Eine zehn Zentimeter dünne Pappwand trennt das provisorische Studio vom tosenden Geräuschpegel der Brüsseler Messehallen. Nach oben hin ist die Hallendecke offen, Menschenmassen schieben sich über die Gänge und mitten im Trubel läuten Raphael Henke und Laurence Labusch die dritte Staffel des ERP-Stammtischs ein. Wer den Ausblick in Folge 77 gehört hat, weiß, wie groß die Vorfreude auf diesen Tag war. Doch direkt nach der Eröffnungs-Keynote zu Odoo 20 sitzt die Ernüchterung tief: Laurence saß während der Präsentation am Laptop und arbeitete, weil der Funke einfach nicht überspringen wollte.
Laurence bringt es ohne Umschweife auf den Punkt: "Ich fand's Kacke. Ja, ich fand's so Kacke. Also warum? Wegen dem Vibe. Der Vibe war gar nicht, ne?"
🎭 Warum der Funke in der Keynote diesmal fehlte
Rund 5.000 bis 6.000 Menschen füllten die riesige Tribüne der Haupthalle. Odoo-Gründer Fabien Pinkaers präsentierte die neue Version gewohnt hemdsärmelig: Zwischen Terminal-Fenster, Neustarts des lokalen Entwicklungsservers und kleineren technischen Pannen führte er durch das System. Trotzdem blieb der Saal merkwürdig ruhig. Applaus musste mehrfach fast schon eingefordert werden.
Der Grund dafür liegt tiefer als in einer bloßen Tagesform. Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz hat die Wahrnehmung von Software-Demos grundlegend verändert. Reine Funktionsvorführungen lösen kaum noch Staunen aus, weil erfahrene Entwicklerteams ähnliche Oberflächen-Features mit modernen KI-Pipelines heute in kürzester Zeit selbst aufbauen können. Für Unternehmer und Entscheider verschiebt sich dadurch der eigentliche Wert eines ERP-Projekts: Reiner Programmcode wird zur günstigen Handelsware. Was wirklich zählt, sind sauberes Prozessdesign, durchdachte Geschäftslogik und konsequentes Change Management.
Gleichzeitig verdeutlicht eine von Fabien genannte Kennzahl die Vormachtstellung des Ökosystems im Open-Source-Umfeld: "2% des öffentlich zugänglichen Python Codes auf der ganzen Welt, ja, sind Odoo Code. Das ist gestört." Genau dieser gigantische Fundus an Trainingsdaten sorgt dafür, dass moderne Sprachmodelle Odoo-Strukturen exzellent verstehen – ein technologischer Vorsprung gegenüber geschlossenen Systemen wie SAP oder Salesforce.
💼 Freitext im Verkauf und parallele Abschreibungen
Hinter der verhaltenen Show stecken funktionale Weiterentwicklungen im Standard, die vor allem in etablierten mittelständischen Prozessen schmerzhafte Lücken schließen.
Angebote ohne Produktzwang
In den Verkaufsaufträgen (Sale Orders) können Vertriebsteams Positionen ab sofort als reinen Freitext erfassen. Was in der Rechnungsstellung schon lange funktionierte, klappt nun direkt im ersten Kundenkontakt. Für Dienstleister und projektbasierte Angebote bedeutet das maximale Flexibilität, da niemand mehr für spontane Einzelaufwände Dummy-Artikel im Stamm anlegen muss. Laurence mahnt hier allerdings zur prozessualen Vorsicht: Nachgelagerte Abläufe in der Projektzeiterfassung oder der Kostenstellenrechnung müssen exakt definiert sein, damit lose Textpositionen später nicht in der Buchhaltung stranden.
Parallele Abschreibungen und Anlagen im Bau
Im Modul für das Anlagevermögen (Assets) liefert Odoo 20 zwei lang ersehnte Werkzeuge für den Finanzbereich:
- Parallele Bewertungspläne: Vermögensgegenstände lassen sich nativ nach unterschiedlichen Rechnungslegungsvorschriften führen. Deutsche Unternehmen können das Wirtschaftsgut zeitgleich handelsrechtlich (HGB) und steuerrechtlich oder nach internationalen Standards (IFRS) abschreiben.
- Anlagen im Bau: Investitionskosten werden auf einem Sammelkonto auflaufend verbucht und erst zum Zeitpunkt der tatsächlichen Inbetriebnahme mit einer sauberen Umbuchung als aktives Asset aktiviert.
Beide Punkte mussten bisher aufwendig individualisiert werden. Dass sie nun im Standardmodul verankert sind, spart spürbare Implementierungs- und Wartungskosten.
⏱️ Lokale Zeiterfassung und voller Offline-Sync
Für den operativen Arbeitsalltag präsentierte Odoo zwei praktische Erweiterungen, die Arbeitsabläufe spürbar vereinfachen.
Zeiterfassung über Fenster-Titel
Ein schlanker Hintergrunddienst überwacht lokal auf dem Rechner, in welchen Programmen gearbeitet wird. Über die Fenstertitel erkennt das Tool beispielsweise geöffnete CAD-Zeichnungen in AutoCAD oder Betreffzeilen in Programmen wie Outlook, Gmail und Apple Mail. Entscheidend dabei: Es fließen keine sensiblen Daten in eine fremde Cloud. Die Auswertung bleibt auf dem Endgerät. Am Tagesende schlägt der Dienst die erfassten Zeiten vor, sodass Mitarbeiter ihre Stunden mit wenigen Klicks Projekten und Aufgaben zuweisen können.
Vollständiger Offline-Sync statt reinem Caching
Während frühere Versionen lediglich das Betrachten gecachter Datensätze erlaubten, liefert Odoo 20 einen echten Lese- und Schreibmodus ohne Internetverbindung. Außendienstler, Monteure und Handwerker können im Funkloch im Keller Serviceberichte schreiben, Checklisten abhaken oder Material buchen. Sobald das Tablet wieder Netz findet, synchronisiert das System die Daten automatisch im Hintergrund.
Passend dazu führt Odoo eine neue Lizenzstufe ein: Den Light User für 7,90 Euro pro Monat und Nutzer. Diese Lizenz deckt gezielt Arbeitsbereiche wie den Außendienst (Field Service), die Barcode-Erfassung im Lager, Zeiterfassungen, HR-Urlaubsanträge sowie die Werkstatt-App (Shopfloor) ab. Laurence fasst das Potenzial zusammen: "Field Service Light User gekoppelt mit dem Offline Modus heißt ja, ich habe für meine Techniker muss ich nur 7,90 € lassen, keine volle Lizenz und die haben den Offline Modus. Das ist huge."
📞 VoIP-Routen und Skepsis bei KI-Credits
Die integrierte Telefonie erhält ein visuelles Werkzeug: Mit dem Visual Voice Menu lassen sich Anruf-Routen per Drag-and-Drop auf einem Canvas zusammenstellen. Sprachmenüs nach dem Prinzip „Drücken Sie die 1 für Vertrieb, die 2 für Support“ lassen sich wie ein Flussdiagramm grafisch modellieren. Ergänzend können Unternehmen lokale Festnetznummern für verschiedene Länder aktivieren, sodass Kunden im Ausland ortsübliche Tarife zahlen.
Deutliche Kritik übt Laurence an der Preisstrategie für KI-Funktionen. Odoo schaltet für eigene KI-Agenten und Transkriptionen ein Credit-Modell vor, bei dem Nutzer Guthaben erwerben müssen. Hierbei schlägt Odoo eine eigene Marge auf die Weiterleitung der Schnittstellen-Aufrufe auf. Die Empfehlung von LABISO lautet daher: Eigene API-Keys direkt beim Modellanbieter hinterlegen oder standardisierte MCP-Server (Model Context Protocol) nutzen. Damit behalten Betriebe die volle Datenkontrolle, wählen flexibel zwischen Modellen wie Claude oder GPT und zahlen ausschließlich die reinen Erzeugerpreise der KI-Anbieter.
🏷️ Neue Preisstruktur und das Fazit aus Brüssel
Nach neun Jahren Preisstabilität und 26 Prozent aufgelaufener Inflation passt Odoo seine Lizenzen erstmals moderat an:
- One App Free: Bleibt dauerhaft kostenlos.
- Standard-Plan: Bleibt stabil bei 19,90 Euro pro Nutzer im Monat.
- Custom-Plan: Steigt um 20 Prozent (notwendig für Multi-Company, Schnittstellen, On-Premise-Hosting und Odoo.sh).
- Light User: Neu eingeführt für 7,90 Euro monatlich für operative Rollen.
Zwischen Podcast-Aufnahme und Fachgesprächen gab es für das Team noch eine Überraschung am Stand: Stammgast Bernd Bäcker vom Espresso-Laden brachte frischen Kaffee und Karamellstaub vorbei – ein Highlight für die beiden Hosts mitten im Messestress.
Odoo 20 liefert vielleicht keine revolutionären Show-Momente, bringt aber eine spürbare Reife in den Standard. Wer das System nutzt, profitiert von solideren Kernfunktionen, schlankeren Prozessen und günstigen Lizenzen für operative Mitarbeiter. Hast du Fragen zur Umstellung auf Odoo 20 oder suchst du nach der passenden Strategie für deine Migration? Das Team von LABISO unterstützt dich gerne beim nächsten Schritt. Schau auf www.labiso.de vorbei oder schreib direkt an podcast@labiso.de.