Raphael scherzte zu Beginn der Episode, dass er nach über achtzig Folgen und täglicher Arbeit mit Odoo eigentlich immer noch behaupten könnte, gar nichts verstanden zu haben. Ein bisschen so wie bei seinem besten Kumpel, der Braumeister ist: Man lauscht jahrelang den Ausführungen über Malz, Hefe und Gärprozesse, aber am Sudkessel stünde man trotzdem erst mal verloren da. Bei Odoo liegt die Sache zum Glück anders. Durch das ständige Hinterfragen am Stammtisch wächst das Verständnis dafür, wie Unternehmenssoftware in der Praxis wirklich tickt – besonders wenn Laurence mit fünfzehn Jahren Praxiserfahrung aus dem Nähkästchen plaudert.
💰 Odoo vs. Microsoft Business Central: Der Kosten- und Architekturvergleich
Nach den hitzigen Diskussionen rund um das neue Preismodell von Odoo 20 hat Raphael den Taschenrechner angeworfen. Viele fragen sich schließlich, wo Odoo im Vergleich zu den Platzhirschen steht. Wie wir bereits in Folge 80 zum neuen Odoo-Pricing besprochen haben, schlagen zusätzliche Lizenztypen ins Kontor. Doch wie sieht das im direkten Vergleich mit Microsoft Dynamics 365 Business Central aus?
Raphael hat ein handfestes Szenario durchgerechnet: Ein mittelständisches Unternehmen mit 200 Mitarbeitern. Davon arbeiten 50 Personen mit vollem ERP-Zugriff und 150 Mitarbeiter benötigen lediglich einfache Zeiterfassungs- oder Urlaubsfunktionen (Light User).
- Odoo: Die 50 Standard-User plus 150 Light User schlagen monatlich mit rund 3.430 Euro zu Buche.
- Microsoft Business Central: Hier landet man für vergleichbare Basislizenzen schnell bei 4.495 Euro pro Monat.
- Die versteckte Schnittstellenfalle: Um den gleichen Funktionsumfang wie bei Odoo abzudecken, verlangt das Microsoft-Ökosystem oft zusätzliche Tools wie Shopify Grow für den E-Commerce (ab 79 Dollar monatlich) oder DocuSign für digitale Unterschriften.
Unterm Strich kostet Microsoft die Beispielfirma gut tausend Euro mehr pro Monat. Doch der wahre Knackpunkt ist nicht allein der Preis: Bei Drittanbieter-Tools zersplittert die Systemlandschaft. Schnittstellen müssen gewartet werden, Datenformate weichen voneinander ab und Fehlerquellen steigen rasant. Bei Odoo greifen Fuhrpark, Website, CRM und Buchhaltung ohne externe Brücken direkt ineinander. Genau dieser Vorteil treibt viele Betriebe zur Migration. Laurence begleitet derzeit den traditionsreichen Bürstenhersteller Frank Bürsten, der von Microsoft Navision zu Odoo wechselt – weg von alten Insellösungen, hin zu einer zentralen Datenbank.
🏗️ Stammifragen: Solo-Business, Zoho und Bauprojekte
Stammi Viktor hat der Runde eine ganze Palette praxisnaher Fragen mitgebracht. Er startet mit Odoo Standard für zwei getrennte Nebentätigkeiten – Bauplanung und Mediation – und wollte wissen, wo Odoo an seine Grenzen stößt.
Odoo oder Zoho?
Viktor zog Zoho als Alternative in Betracht. Laurence sieht hier jedoch fundamentale Unterschiede: Zoho ist eine proprietäre SaaS-Lösung mit Hauptsitz in Indien. Wer seine Unternehmensdaten dorthin verlagert, begibt sich in einen rechtlichen Raum außerhalb der Europäischen Union. Odoo hingegen hat seine Wurzeln in Belgien, unterliegt striktem EU-Recht und basiert auf einem transparenten Open-Source-Kern. Während man bei reinen SaaS-Plattformen an starre Vorgaben gebunden ist, lässt sich Odoo auf jeden individuellen Unternehmensprozess zuschneiden.
Private Daten gehören nicht ins Firmen-ERP
Auf Viktors Frage, ob man Odoo gleichzeitig für private Einkommensteuererklärungen und Familiennotizen nutzen sollte, fand Laurence deutliche Worte: Auf keinen Fall geschäftliche und private Dinge in einer Datenbank mischen! Zwar lassen sich mehrere Firmen über Multicompany abbilden, doch private Planungen gehören dort nicht hinein. Wer Odoo privat nutzen möchte, setzt sich dafür eine separate, kostenlose Community-Instanz auf. Für die persönliche Aufgabenverwaltung reichen Smartphone-Bordmittel oder simple Notiz-Apps völlig aus.
Finger weg vom Gmail-Plugin
Häufig kommt der Wunsch auf, Kundenmails über das Odoo-Gmail-Plugin einzubinden. Laurence rät in Kundenprojekten strikt davon ab: Das Plugin importiert die E-Mails nicht als echte, voll funktionsfähige Datensätze, sondern klebt den Text als unformatierte Notiz in den Verlauf. Es fehlen originale Header, Absenderdaten und die Möglichkeit, direkt aus dem Datensatz heraus mit Verlauf zu antworten. Die saubere Lösung besteht darin, Mailserver und Catch-All-Adressen direkt im Odoo-Standard korrekt zu konfigurieren, statt mit Behelfslösungen zu arbeiten.
Große Bauprojekte ohne Tool-Chaos steuern
Können Ingenieure und Architekten komplexe Projekte mit Odoo stemmen, statt Jira, MS Project, Dalux und Planfred parallel zu betreiben? Ja. Die Odoo-Projekte-App verknüpft Aufgabenlisten, Meilensteine und Gantt-Charts direkt mit der Dokumenten-App. Externe Fachplaner und Büros werden einfach als kostenlose Portal-Nutzer eingebunden. Sie erhalten Zugriff auf Pläne und Aufgaben, ohne teure Lizenzen zu belegen.
⚙️ Neues aus der Labidoo-Werkstatt
Weil nativer Odoo-Standard nicht jeden spezifischen Arbeitsablauf im Mittelstand abbildet, entwickelt das LABISO-Team eigene Erweiterungen. Laurence brachte es trocken auf den Punkt: "Weil wenn das alles so toll wäre, wie es auf der Bühne immer so präsentiert wird, dann gäbe es kein Labidoo!"
Aktuell gibt es drei wesentliche Erweiterungen für den Praxisbetrieb:
- Transparente Zeitgutschriften: Wer nach Aufwand abrechnet (Time and Material), kennt das Problem: Ein Mitarbeiter hat 90 Minuten gearbeitet, möchte dem Kunden aus Kulanz aber nur 60 Minuten berechnen. In Labidoo lässt sich direkt ein Gutschrift-Feld mit Pflichtbegründung ausfüllen. Die Kundenrechnung weist Arbeitszeit und Nachlass sauber aus.
- Universelles Freigabemodul: Freigabeprozesse lassen sich jetzt an beliebige Datenbankfelder knüpfen. Im Außendienst (Field Service Management) setzen Techniker bei Reparaturen beispielsweise den Haken 'Auf Garantie'. Statt direkt ohne Abrechnung durchzulaufen, landet der Vorgang automatisch zur Prüfung im Backoffice.
- Nativer Abacus-Export: Schweizer Kunden können Buchungsdaten und Belegbilder jetzt genauso einfach und fehlerfrei an Abacus übergeben wie deutsche Kunden an DATEV.
👥 Odoo 20: Teamaktivitäten, Chatter-Pins und Führungsverantwortung
Die Version 20 bringt Hunderte Detailänderungen. Ein scheinbar unscheinbares Feature sticht im Arbeitsalltag besonders hervor: Aktivitäten können ab sofort ganzen Teams zugewiesen werden. Bisher ließen sich To-dos immer nur auf einzelne Personen terminieren. Fällt jemand durch Krankheit oder Urlaub aus, blieben wichtige Aufgaben liegen. Wird eine Aufgabe stattdessen dem gesamten Sales- oder Support-Team zugewiesen, kann der nächste freie Kollege die Aktivität übernehmen.
Dazu erinnerte Laurence an die Kernarchitektur: "Der Chatter ist ein Grundkonzept in Odoo. Jeder Datensatz hat einen Chatter." Im Chatter laufen E-Mails, interne Notizen und Statusänderungen chronologisch zusammen. Neu in Odoo 20 ist die Möglichkeit, wichtige Nachrichten oben im Chatter festzupinnen. Bei Projekten mit Dutzenden Rückmeldungen bleibt die wichtigste Zielvorgabe des Kunden so immer sofort im Blickfeld aller Beteiligten.
Führung schlägt Feature-Listen
Raphael warf ein, dass Teamaktivitäten neue Gefahren bergen: Wenn sich fünf Leute für eine Aufgabe verantwortlich fühlen, erledigt sie am Ende oft keiner. Laurence betonte deshalb die Bedeutung klarer Rollenverteilung: "Wenn dein Prozess halt heißt... das ist wieder nur ein Tool! Und das Tool kannst du richtig geil einsetzen... Führung muss Verantwortung übernehmen."
Kein ERP-System der Welt heilt fehlende Absprachen. Wer Software einführt, muss Schichten, Verantwortlichkeiten und Kontrollroutinen festlegen. Hier scheitern Projekte oft am bekannten Peter-Prinzip: Fachlich brillante Entwickler oder Ingenieure werden automatisch zu Führungskräften befördert, obwohl ihnen Führungs- und Organisationsfähigkeiten fehlen. Das Ergebnis ist Frust auf beiden Seiten. Besser ist es, Fachexperten über Gehalt wertzuschätzen, Führungsaufgaben aber Menschen zu überlassen, die Teams strukturieren und Prozesse konsequent nachhalten können.
Habt ihr Fragen zu euren ERP-Prozessen oder plant den Umstieg von Navision auf Odoo? Meldet euch gerne über www.labiso.de bei uns oder schickt eure Fragen direkt an podcast@labiso.de für die nächste Runde am Stammtisch.