Brüssel gilt als das politische Herz Europas, die Stadt des EU-Parlaments und ein Treffpunkt internationaler Delegationen. Wer dort in ein normales Innenstadt-Café stolpert, erlebt allerdings schnell sein blaues Wunder: Eine einfache Kaffeebestellung auf Englisch wird nicht selten mit einem Schulterzucken abgebügelt. Genau dieser kleine Kulturschock lieferte den Auftakt für Folge 79 des ERP-Stammtischs. Doch die Brüsseler Sprachbarriere war für Laurence Labusch und Raphael Henke schnell vergessen, als die eigentlichen Themen der Odoo Experience auf den Tisch kamen. Wo sonst nach einer Keynote Aufbruchsstimmung herrscht, überwog diesmal bei vielen Partnern und Kunden Ernüchterung. Laurence fand dafür deutliche Worte: "Ich bin das erste Mal von der OXP wieder gekommen und war nicht beflügelt, sondern angepisst."

Gemeinsam haben die beiden Brüder die Ereignisse der Messe aufgearbeitet. Nachdem sie in der vorherigen Folge noch live aus Brüssel erste Impressionen teilten, ging es nun ans Eingemachte: versteckte Lizenzänderungen, fragwürdige Angebote von Odoo-Gold-Partnern und die echten praktischen Verbesserungen im CRM-Modul von Odoo 20.

🚨 Das Light User Gate: Wenn Mitarbeiterdatensätze plötzlich Geld kosten

Auf der großen Messebühne klang die Botschaft vertraut kundenfreundlich: Odoo habe der Community zugehört und führe mit Odoo 20 eine vergünstigte Lizenzklasse für Gelegenheitsnutzer ein. Für rund 8 Euro monatlich sollten Mitarbeiter im Außendienst oder in der Werkstatt unkompliziert mit Basisfunktionen arbeiten können. Doch die Ernüchterung folgte prompt beim aufmerksamen Studium der Enterprise-Lizenzbedingungen und der FAQ-Seiten.

Im Kleingedruckten versteckt sich eine Klausel, die Laurence treffend als "Light User Gate" bezeichnet. Demnach gilt als lizenzpflichtiger Light User nicht zwingend jemand, der sich tatsächlich ins System einloggt, sondern jeder aktive HR Employee Record in der Mitarbeiter-App. Laurence fasst das Dilemma zusammen: "Also, wenn du die Mitarbeiter App hast und deinen Mitarbeiter anlegst, ohne dass der User Zugang bekommt, nicht mal ein Portal User, einfach ohne User, ist das auf einmal ein Light User." Und er ergänzt kopfschüttelnd: "Das Wording User geht an dieser Definition irgendwie komplett vorbei."

Für mittelständische Unternehmen birgt diese Definition erhebliche finanzielle Sprengkraft. Man nehme einen typischen Produktionsbetrieb mit 500 Beschäftigten. Etwa 50 bis 60 Mitarbeiter in Vertrieb, Einkauf, Buchhaltung und Projektleitung besitzen reguläre Enterprise-Lizenzen. Die übrigen 440 Kollegen in der Montagehalle haben keinen eigenen Softwarezugang; sie werden lediglich für Schichtpläne, Urlaubstage oder Zeiterfassungsterminals im System geführt. Greift die neue Regelung, fallen für diese 440 Datensätze künftig Monat für Monat je 8 Euro Lizenzgebühr an. Das summiert sich auf über 3.500 Euro zusätzliche Fixkosten pro Monat, ohne dass ein einziger neuer Arbeitsplatz geschaffen wurde.

Besonders brisant: Vor Ort auf der OXP wusste kaum jemand Bescheid. Selbst der Odoo-Geschäftsführer für Deutschland wiegelte im Gespräch ab und bezeichnete solche Szenarien als unvorstellbar. Ein Blick in den Quellcode von Odoo 20 offenbart jedoch eine andere Realität. Das System übermittelt inzwischen aktiv Metriken über die Anzahl der HR-Mitarbeiter ohne Benutzerkonto an Odoo SA. Warum sollte ein ERP-Hersteller diese Kennzahlen automatisiert erfassen, wenn keine Abrechnung geplant ist? Erfahrene Partner wie Marcus Suto von Arch Canada beobachten diese Entwicklung seit geraumer Zeit mit Skepsis. Bei LABISO fordern wir deshalb eine verbindliche, schriftliche Klarstellung für alle Odoo-Kunden.

🛑 Teure Zwischenschritte: Warum Stufenmigrationen blanke Abzocke sind

Neben den Lizenzfragen sorgte eine Begegnung am LABISO-Messestand für Kopfschütteln. Ein Kunde aus dem Marketingbereich eines etablierten Unternehmens trat mit einem handgeschriebenen Notizzettel an Laurence und Raphael heran. Die Firma nutzte noch Version 16 und plante ein Upgrade auf die aktuelle Version. Ihr bisheriger Odoo-Gold-Partner hatte ihnen jedoch eröffnet, ein direkter Sprung sei technisch unmöglich.

Die angebliche Vorgabe des Dienstleisters: Zunächst müsse eine Migration von Version 16 auf 17 bezahlt werden, Kostenpunkt pauschal rund 10.000 Euro. Danach folge Version 18 für weitere 15.000 Euro, anschließend Version 19 und erst dann die Zielversion 20. Für jeden einzelnen Versionssprung sollten fünfstellige Beträge fällig werden, ergänzt um variable Stundensätze. Raphael fand dafür einen bildhaften Vergleich: "Weil es ist wirklich so als in der Waschanlage, wenn ich die Premium XXL Programm Wäsche haben möchte und ich muss vorher erstmal..." – genau, erst einmal alle vier kleineren Waschprogramme nacheinander buchen und voll bezahlen.

Hier muss mit einem weit verbreiteten Mythos aufgeräumt werden. Odoo-Datenbanken lassen sich jederzeit direkt von einer älteren Version auf die gewünschte Zielversion migrieren. Die offiziellen Migrationsskripte von Odoo durchlaufen die Datenbankschemata im Hintergrund automatisiert. Individuell entwickelte Module werden ohnehin direkt für das Ziel-Release angepasst, statt sie mühsam für Zwischenversionen umzuschreiben. Laurence stellte dies unmissverständlich klar: "Ihr müsst nicht von 16 auf 17, von 17 auf 18 und von 18 auf 19 migrieren, um dann von 19 auf 20 zu kommen und dann seid ihr irgendwie 100.000 € los oder wie auch immer. Äh nee, ihr könnt wirklich von einer Version direkt auf die andere Version migrieren und wenn euer Partner sagt, nein, das geht nicht, dann wechselt bitte verdammte Axt."

🎯 Das CRM in Odoo 20: Volle Flexibilität durch den Team Switcher

Trotz der berechtigten Kritik an der Lizenzpolitik gibt es in Odoo 20 funktionale Weiterentwicklungen, die den Arbeitsalltag im Vertrieb spürbar erleichtern. Das absolute Highlight in der CRM-App ist der neue Team Switcher, der prominent als Dropdown-Menü am oberen Bildschirmrand platziert wurde.

Bisher war der Wechsel zwischen verschiedenen Vertriebsbereichen umständlich gelöst. Wer mehrere Produktsparten oder Dienstleistungen betreute, verlor in unübersichtlichen Kanban-Ansichten schnell den Faden. Mit dem neuen Team Switcher wechseln Vertriebsmitarbeiter mit einem Klick das aktive Verkaufsteam. Dabei passt sich die Pipeline sofort an: Jedes Team nutzt eigene, maßgeschneiderte Prozessstufen im Verkaufs-Funnel. Ein B2B-Softwaredeal durchläuft andere Qualifikationsschritte als ein standardisierter Hardwareverkauf. Für Teams, die strukturiert an ihren Abschlussquoten arbeiten, stellt diese intuitive Umschaltung eine enorme Entlastung dar.

Zusätzlich räumt Odoo 20 bei den Kontaktformularen auf. Adressdetails werden in Eingabemasken zunächst ausgeblendet, um den Fokus auf die saubere Zuordnung von Many2one-Feldern und zentralen Kontaktdatensätzen zu lenken. Solche Detailverbesserungen an der Benutzeroberfläche und die verbesserte Offline-Synchronisation zeigen, dass die Entwickler wertvolles Feintuning betrieben haben.

📊 Prognosen mit System: Warum KI bei Finanzzahlen Vorsicht erfordert

Große Aufmerksamkeit widmete Odoo auf der Messe auch den neuen KI-Prognosen im Vertrieb. Ein integriertes Sprachmodell soll historische Daten auswerten und künftige Umsätze automatisch vorhersagen. Laurence begegnet diesem Trend mit begründeter Skepsis. Large Language Models arbeiten nicht-deterministisch. Wer dieselbe Anfrage mehrfach stellt, erhält mitunter voneinander abweichende Hochrechnungen. Für verlässliche Liquiditätsplanungen oder Management-Entscheidungen ist ein solches Vorgehen ungeeignet.

Stattdessen empfiehlt sich ein mathematisch fundierter Ansatz. Eine KI kann hervorragend dabei unterstützen, passgenauen Programmcode oder SQL-Abfragen zu entwerfen. Die Berechnung der Kennzahlen muss jedoch deterministisch über transparente Formeln in Odoo Sheets oder eigenständige BI-Lösungen erfolgen. Bei LABISO setzen wir deshalb auf eine eigens entwickelte BI-Plattform, die direkt an die Odoo-Datenbank angebunden ist. Sie liefert Geschäftsführern belastbare Run Rates und Echtzeit-KPIs, auf die man sich jederzeit verlassen kann.

Liebe Stammis, lasst euch von nebulösen Versprechungen oder unklaren Lizenzmodellen nicht verunsichern. Wenn du dein ERP-System auf Odoo 20 vorbereiten möchtest oder dein aktueller Partner dir kostspielige Umwege einreden will, melde dich bei uns. Schreib uns direkt an podcast@labiso.de oder wirf einen Blick auf www.labiso.de – wir prüfen deine Installation unabhängig und bringen Klarheit in deine Prozesse.